Checkdisout: Research, Concepts, Lectures, Inspiration

Checkdisout #6: Future Mobility Video+Rückblick

Checkdisout #6: Future Mobility from Made For Full Screen on Vimeo.

Am 16. Februar 2012 lud Checkdisout zur sechsten Zukunftsdiskussion in den ausverkauften Kunstverein Hamburg. Thema des Abends: Future Mobility.
Gemeinsam mit Vordenkern der Mobilitäts-Szene wurde eine Vision der mobilen Welt von morgen gezeichnet. Mit von der Partie: Robin Chase – Gründerin und ehemalige CEO von Zipcar, die nach GoLoco nun Buzzcar in Paris betreibt – Andreas Leo, Communications Manager von car2go und Markus Barnikel, CEO von carpooling.com. Drei Redner, drei Unternehmen und drei Philosophien zur Mobilität. Doch in einem waren sich an diesem Abend alle einig: die mobile Revolution wird kommen.

Wohin entwickelt sich unsere Autogesellschaft? Immer mehr Menschen leben in den Städten, bis zum Jahr 2030 sollen es 2/3 der Weltbevölkerung sein. Schon heute quälen wir uns im Schritttempo durch verstopfte Straßen. Feinstaubplaketten, Umweltzonen und autofreie Bezirke werden eingeführt, um der rollenden Blechflut Herr zu werden und die Folgen der Abgasemission einzudämmen – bisher mit nur mäßigem Erfolg. Wohin soll das führen? Denn im urbanen Raum geht die Ökonomie des Autos buchstäblich den Bach herunter. Während früher freie Straßen und günstige Benzinpreise den privaten Personenkraftwagen zur preiswerten und schnellen Reiseart machten, geht diese Rechnung heute nicht mehr auf: Städte bieten wenig Raum für Fahrzeuge und Staus machen den PKW langsamer als S-Bahn, U-Bahn oder das gute alte Fahrrad. Bei 1,70 Euro pro Liter Benzin (zuzüglich KfZ-Steuer und Versicherung) kommt der moderne Mensch nun ernsthaft ins Grübeln.

Können wir auf den Besitz eines eigenen Autos verzichten?

Für etablierte Unternehmen der Mobilitätsbranche wird diese drohende Abkehr vom privaten Neuwagen zur Herausforderung: Denn wenn keiner mehr ein Auto kauft, für wen lassen Daimler, BMW & Co. ihre globalen Produktionsstraßen laufen? Ein Problem, das nicht nur die Hersteller allein betrifft, denn die Automobilindustrie ist heute für rund 20% der internationalen Wertschöpfung verantwortlich, lernen wir an diesem Abend im Kunstverein. In einigen Ländern – wie Deutschland – zählt sie sogar zu den Schlüsselindustrien der Wirtschaft.

Wie reagieren die Autokonzerne?

Statt den Kopf in den Sand zu stecken, blasen die Großkonzerne zur Veränderung: Die Daimler AG bringt im Jahr 2008 das Sharing-Projekt car2go auf den Markt – eine Flotte kleiner Stadtflitzer, ausgestattet ausschließlich mit Smarts aus dem Hause Daimler. Damit möchte das Unternehmen mit Sicherheit seine Absatzlücke der Zukunft, aber auch die Diskrepanz zwischen Carsharing à la Robin Chase und dem privaten Autobesitz eindämmen: „We try to make it as flexible and convenient as an own car – but without owning one“, so Andreas Leo. Der Clou: Statt Fahrzeuge an Verleihstationen zu reservieren, abzuholen und zurückzugeben, werden die Smarts frei über die Stadt verstreut. Jeder öffentliche Parkplatz wird zur Ausleih- und Abgabestation. So soll der Mensch in Zukunft einfach aus der Haustür, hinein in den nächsten Smart springen. Allein in Hamburg folgen diesem Ruf inzwischen 10.000 User.

Doch für Robin Chase ist diese Form des Sharings bereits überholt. Denn genau wie ihr eigenes Unternehmen Zipcar setzt car2go auf eine Flotte von Neufahrzeugen. Das Resultat: ein höheres Verkehrsaufkommen auf Straßen und Parkplätzen – und zwar so lange sich die vielen User dieser Dienste nicht zur Abschaffung ihres privaten Fahrzeugs entschließen. Diesem Problem kündigt Robin Chase nun den Kampf an: Um dem Mobilitätskreislauf nicht noch mehr Fahrzeuge hinzuzufügen, setzt sie mit ihrem neuen Projekt Buzzcar in Frankreich auf ein Peer-to-Peer Netzwerk. Statt neue Autos anzumieten, ermuntert sie Menschen, sich lieber das Auto des Nachbarn zu leihen: „I’m adding my stuff I’m not really using to a common platform“ – bislang ungenutzte vierrädrige Kapazitäten werden so ausgeschöpft und ein nachhaltiger Weg zu einem mobilen Miteinander entsteht.

In eine ähnliche Kerbe schlägt auch Markus Barnikel von Carpooling.com, der weltweit führenden Plattform für Mitfahrgelegenheiten. Das Prinzip seines Unternehmens: Menschen wollen von A nach B, manche davon haben ein eigenes Auto, manche haben keines. Indem man beide Parteien zusammenbringt, werden ungenutzte Mobilitätskapazitäten ausgeschöpft.

Steigen wir in Zukunft völlig selbstverständlich zu fremden Menschen ins Auto?

Was uns Mutti früher mit erhobenem Zeigefinger verbot, scheint Realität zu werden. Denn der vernetzte Mensch von heute hat gelernt, dass in der Welt des Internets auf jede Handlung eine Konsequenz folgt, verkündet Barnikel. Fahre ich zu schnell oder bin ich unzuverlässig – meine Mitfahrer werden mein Verhalten auf der Plattform kritisieren, meine „Social Currency“ ruinieren und die Mitfahr-Community wird sich von mir abwenden. So konditionieren sich auf Carpooling.com inzwischen eine Million User pro Monat gegenseitig, gegenüber ihren Mitfahrern ein positives Verhalten zu zeigen. Wobei es aber nie um das Autofahren an sich geht, betont der junge CEO: „People come to us because they need mobility“. Carpooling.com bietet deshalb seit kurzem auch Zug-, Bus und Flugtickets an.

Diese Diversifizierung des Angebots wird uns auch im innerstädtischen Verkehr erwarten: Bald werden wir innerhalb einer Stadt wählen können zwischen verschiedenen Car-Sharing-Diensten wie car2go von Daimler, DriveNow von BMW, Zipcar oder auch Buzzcar. Zusätzlich zur unerschöpflichen Auswahl von Automodellen und Antriebsformen werden wir uns auch entscheiden zwischen dem öffentlichen Verkehr, Fahrradverleihdiensten, Pedelec-Stationen, Elektroroller-Sharing, und, und, und.

Wie navigiert man als Benutzer durch das Überangebot an Mobilitätsoptionen?

„I want you to think of the diversity of food choices you have.“, meint Chase, „Does that make your life difficult, complex and hard?“ Wohl eher nicht. Was wir aber brauchen, um uns im Dickicht der Möglichkeiten zurecht zu finden, ist Überblick: Was im Restaurant die Speisekarte ist, muss für neue Mobilitätskonzepte eine integrierte Plattform sein, die sämtliche Mobilitätsoptionen aufzeigt und verknüpft. Das Schlagwort der Zukunft lautet deshalb Multi-Modular-Transport, mit Hilfe dessen uns ein Tür-zu-Tür-Angebot über alle Mobilitätsoptionen hinweg erwartet.

Wird es in Zukunft keine privaten Fahrzeuge mehr geben?


In den Augen von Robin Chase wird sich die Mobilitätsbranche genauso von einem Besitzmarkt zu einem Zugriffsmarkt wandeln, wie die Musikbranche: Während früher das Kaufen und Sammeln von Schallplatten und CDs für ganze Generationen entscheidend war, ist für uns das Sharen und Streamen von Musik völlig selbstverständlich geworden. Aber trotzdem: Auch heute gibt es noch Menschen, die CDs im heimischen Regal stehen sehen wollen. Deshalb wird es auch in der Future Mobility Platz für beides geben – Besitz und Teilen. Auch Andreas Leo bricht eine Lanze für das Gefühl des Habenwollens: „Cars are still fascinating. You have lots of people who still want to buy a car.“ Beachtet man die Nutzungsdauer eines Automobils von circa 25 Jahren, wird die Revolution der Mobilität so vielleicht eher zur Evolution: In kleinen Schritten bewegen wir uns zum gegenseitigen Teilen, verbesserter Ressourceneffizienz, Nachhaltigkeit und zu smarten, integrierten Mobilitätsplattformen. Dass diese Reise bereits begonnen hat, zeigt auch das vor wenigen Tagen bestätigte Investment von Zipcar in das US-amerikanische Peer-to-Peer Carsharing Unternehmen wheelz.com.

Es war ein spannender Abend im Kunstverein – mit kontroversen Ansichten, erheiternden Frotzeleien gegenüber dem Wettbewerb und mit viel Enthusiasmus für eine alternative Form der Mobilität. Zwar haben wir die Zukunft der Autogesellschaft in dieser kurzen Zeit nicht völlig neu erfinden können – aber wir wissen jetzt besser, wie wir sie uns vorstellen dürfen.


Tagged as: , , , , , , , ,

2 Responses »

  1. Es war eine sehr informative und begeisternde Veranstaltung mit unzähligen Anregungen für die zukünftige Umgehensweise mit dem Thema Mobilität. Danke an Robin, Matthias, Markus und Andreas!

  2. Hallo!

    Wir von http://autonetzer.de wären supergerne da gewesen, konnten aber aufgrund einer Paralellveranstaltung nicht anreisen! Wir als privaten Carsharinganbieter wie wheelz und buzzcar für Deutschland können der Vision einer bevorstehenden Wende nur zustimmen! Es war sicherlich ein toller Abend, beim nächsten mal sind wir auch dabei!

Leave a Response