Checkdisout: Research, Concepts, Lectures, Inspiration

Checkdisout #5: Stadtgespräch.
Ein Rückblick von Thomas Friedrich.

Am 7. September 2011 hat Checkdisout anlässlich der aktuellen Diskussion rund um das Thema Stadtentwicklung einen Blick über die Grenzen Hamburgs geworfen. Zu Gast im Kunstverein waren Prof. Carlo Ratti (Director MIT SENSEable City Lab), Tino Buchholz (Stadtplaner und Filmemacher), Julian Petrin (Founder and CEO, Nexthamburg) und Anne Vogelpohl (Goethe University Frankfurt/Main).
Unser Gastkommentator Thomas Friedrich hat sich rückblickend seine ganz eigenen Stadtgedanken zur Diskussion an diesem Abend gemacht.

Von Thomas Friedrich Wie man es auch anpackt, eine Diskussion zum Thema Stadt und deren Entwicklung im 21. Jahrhundert, wird zur Zeit immer von zwei Themen dominiert. Der Gentrifizierung, die gerne auch als Totschlagargument gegen jeden Wandel herhalten muss oder monströse Großprojekte wie Stuttgart 21 (oder die Elbphilharmonie, same same but different).

Diese Dominanz kommt nicht von ungefähr. Die letzten Jahrzehnte waren hierzulande geprägt von Großprojekten. Fern jeder Bürgerbeteiligung, zumindest jeder ernsthaften, wurden sie in die Welt hinausgeklotzt: der Neuaufbau des Potsdamer Platzes, der Hauptbahnhof in Berlin (für den ein kurz vorher aufwändig restaurierter S-Bahnhof abgerissen wurde), die Hafen City in Hamburg (Europas größte Baustelle) mit der Elbphilharmonie als Krönung. Das Sahnehäubchen ist hierzulande eben dieses Stuttgart 21 Projekt und die Kirsche darauf die endlosen Schlichtungsrunden mit Heiner Geißler im Live TV, die als Schlichtungsplacebo in die Geschichte eingehen werden. Diese Liste kann man beliebig weiterführen. 

„Es geht anders und es gibt Beispiele dafür!“

Dass Checkdisout #5 sich der Stadtentwicklung als Chance und nicht als Problem widmet, entstammt womöglich dem Bedürfnis zu sagen: „es geht anders und es gibt Beispiele dafür!“ Städte sind schließlich die Orte der Zukunft, sie wachsen stetig und sie sind in vielerlei Hinsicht sinnvoll. 

Gerade deshalb ist eine Auseinandersetzung, die gegenläufig zum Trend, von einer positiven Herangehensweise geprägt ist, richtig und notwendig – und zum Scheitern verurteilt. Denn die Komplexität des Themas zu fassen, ist kaum möglich. Alle Facetten, ob es soziale, finanzielle oder kulturelle sind, bedingen sich und sind isoliert nicht als Muster wert. Die dadurch entstehenden Anforderungen an eine Lösung sind vielfältig und unmöglich unter einen Hut zu bekommen. Aber vielleicht ist gerade das der Grund, es trotzdem zu versuchen. Ein Versuch der Schlichtung, nicht als Placebo sondern als Haltung. 

Mit Professor Carlo Ratti (Director MIT SENSEable City Lab), Tino Buchholz (Stadtplaner und Filmemacher), Julian Petrin (Founder and CEO, Nexthamburg) und Anne Vogelpohl (Goethe University Frankfurt/Main) wurden thematische Eckpfeiler ins Podium gesetzt, deren Spannungsfeld ein konstruktives Gespräch versprach, um neue Impulse und Einblicke zu gewinnen: intelligente Nutzung von Information, konventionelle und unkonventionelle Planung, Aspekte des Wandels und der Umgang damit sowie die Vereinnahmung von Raum, abseits vordefinierter Parameter. 

Auch das kontroverse Thema Datenschutz könnte besonders in Deutschland in Zukunft ein städtisches werden.

Während Julian Petrin einen Einblick in aktuelle stadtplanerische Versuche am Beispiel Hamburg ermöglichte, deren Potential aber auch deren Hilflosigkeit gegenüber starren Strukturen, verdeutlichte der Exkurs in die Niederlande durch Tino Buchholz zum Thema Squatting und Anti-Squatting, wie wichtig Nischen und Freiräume sind. Aber auch wie bedroht. Professor Carlo Rattis Fokus auf den Umgang mit Information im urbanen Kontext war erfrischend und inspirierend, könnte aber auch das kontroverse Thema des Datenschutzes besonders in Deutschland zu einem städtischen Thema machen. 

Die vergleichende Betrachtung von Williamsburg (New York) und dem Schanzenviertel (Hamburg) durch Anne Vogelpohl, hätte hier die Möglichkeit geboten, das Thema Gentrifizierung und Wandel konstruktiv in das Gespräch einzubinden. Der spannende Vergleich zweier sich schnell verändernder In-Viertel, mit ähnlichem Konfliktpotential und die gegensätzlichen Reaktionen auf diesen Wandel, hätten dem populären Streitthema sicherlich die nötige Vielschichtigkeit verleihen können. Leider kam das Thema in der Diskussion nicht über das Stadium der Betrachtung hinaus und konnte, womöglich auch aus Zeitmangel, nicht weiter vertieft werden. Vielleicht hätte Anne Vogelpohl ihre Thesen auch klarer und präziser ausführen müssen. 

Die einleitenden Präsentationen der vier gaben ausführliche Einblicke in ihre Arbeit und zeigten verschiedene Blickwinkel auf das Thema Stadtentwicklung. Dennoch: durch die Vorträge verging auch eine Menge Zeit, die am Ende in der Diskussion fehlte. Vielleicht wäre es in Zukunft besser, die Vorträge zeitlich und formal mehr zu begrenzen und das Publikum früher einzubinden. So könnten auch die verschiedenen Erwartungshaltungen an die Veranstaltung früher erkannt und durch die Moderation auf wesentliche Aspekte fokussiert werden.

Auch wenn man versucht, das durchaus komplexe und fordernde Thema „die Zukunft der Stadt“ abstrakt zu betrachten, ist interessant, dass man am Ende leider oft über den Hundehaufen stolpert, den die artungerecht gehaltene Nachbarsdogge täglich auf den Bürgersteig vors Haus zaubert. Da ist sich eben jeder selbst der Nächste. Von den fehlenden Fahrradständern und dem notorischen Unterangebot an Back-Shops, Friseuren und Nagelstudios ganz zu schweigen. Aber es ist auch nur natürlich, dass man darüber stolpert, denn die Stadt ist eben nicht nur ein Themenkomplex, sondern auch Lebensraum und der ist gefüllt mit Erwartungen, Hoffnungen, Bedürfnissen und mit Eitelkeiten, sprich dem täglichen Leben.

Es ist ein Chance bei Checkdisout, dass jeder Zuhörer jederzeit zum Mitsprecher werden kann. Es ist eine Falle, wenn der Hundehaufen im Zentrum steht. Der verhindert nämlich, dass der Zuhörer über seinen eigenen Tellerrand blickt. Aber ohne diesen Willen und ohne den Mut, auch mal gegen das dagegen sein zu sein, kommt man nicht vorwärts. Denn eigentlich ist nicht die Stadt das Thema, sondern die Gesellschaft in der wir leben. Die Stadt ist nur die verdichtete Bühne der Umwelt, die wir uns als moderne Zivilisation schaffen. Und da stellt sich die einfache Frage, wie soll die aussehen und wer soll das entscheiden?

Jeder Ort, egal wofür er eigentlich geplant war, wird zu dem wie er genutzt wird: vom Palast zur Toilette, von der Villa zur Kita.

Wenn man es von dieser Seite betrachtet, dann ist die Stadt gar nicht mehr das große Komplexe, sondern der verkleinerte Ausschnitt, indem man einen Blick auf das große ganze werfen kann. Wen lassen wir also entscheiden? Wer hat das Recht dazu? Wem gehört die Stadt? Den Bürgern die darin leben oder dem Kapital, dass die Infrastruktur, die zweifelsohne essentiell für eine Stadt ist, am laufen hält? Von welcher Stadt sprechen wir eigentlich? Die moderne Stadt, die wir kennen ist ein Produkt der Industrialisierung. Die ist allerdings recht passé, weshalb sich Städte in ihrem Angebot und Erscheinungsbild wandeln müssen. Und wer soll sich in der Stadt von morgen zu hause fühlen? Das Kapital, oder die Bewohner? Die Theorie, dass es Menschen gut geht, wenn es dem Kapital gut geht hält sich in gewissen Kreisen hartnäckig – witzig.

So gesehen, stand das Fazit von dieser Checkdisout Veranstaltung bereits nach der Vorstellungsrunde fest. Auf die Frage, was das Herz einer Stadt ist, antwortete Julian Petrin, es seien die Menschen. Das ist vielleicht nicht sehr überraschend und auf den ersten Blick etwas wenig für einen ganzen Abend, aber als Erkenntnis, ist das zum einen ein guter Kompass und zum anderen bedeutet es Freiheit und Unabhängigkeit. Denn jeder Ort, egal wofür geplant, wird zu dem wie er genutzt wird, vom Palast zur Toilette, von der Villa zur Kita.

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