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Im Schwitzkasten mit Jeff Jarvis

Der Amerikaner Jeff Jarvis ist ein umtriebiger Mensch: er ist Journalist, Blogger, Universitätsprofessor, Unternehmer und Unternehmensberater. 2009 hat Jarvis ein viel diskutiertes Buch über Google geschrieben (What would Google do?), sein neues Buch Public Parts erscheint heute. Jarvis reist mit seinen Vorträgen über Medienkultur, Privatsphäre und das Internet zu Konferenzen wie dem Weltwirtschaftsforum in Davos, DLD in München oder eben letzten April nach Berlin zur re:publica, wo ich ihn in der Sauna treffen durfte.

Jarvis hielt auf der re:publica in Anlehnung an einen seiner Posts auf Buzzmachine einen Vortrag über das “German Privacy Paradox". Er beschreibt ein für ihn als Amerikaner durchaus verwirrendes Verhalten der Deutschen im Umgang mit ihrer Privatsphäre. Denn einerseits wehren wir uns zwar vehement gegen Google, verfolgen Facebook wegen Verletzung des Datenschutzes oder wir setzten uns lautstark gegen Körperscanner an Flughäfen ein.

Auf der anderen Seite, so der verdutzte Jarvis, haben die Deutschen jedoch kein Problem, komplett nackt in eine gemischte Sauna zu gehen. Denn, so Jarvis weiter: "In the company of nudists, no one is naked." Interessant wird es, wenn Jarvis in seiner provokanten Argumentation einen Zusammenhang zwischen der Privatsphäre des Saunagangs und der Privatsphäre im Internet herstellt.

Im gleichen Atemzug zeigt er ein Bild von einer Sauna und sagt: “Ich gehe übrigens nachher in die Sauna. Wer von Euch Lust hat, mit mir weiter über dieses Thema zu diskutieren, ist herzlich eingeladen."

Beim Mittagessen mit einem Freund denke ich darüber nach und frage ihn: "Was glaubst Du, wie viele gehen da hin?" Er erwidert: “Ja mei, wer hat schon Bock jetzt während der Konferenz zwei Stunden in die Sauna zu gehen." Ich kann ihn schnell davon überzeugen, dass dies eine einmalige Chance ist, mit dem Jeff Jarvis, der für CNN, Spiegel oder die Zeit Interviews gibt, und auf den nach jedem Vortrag gefühlte 50 Menschen mit Fragen und Visitenkarten zustürmen, in Ruhe zu reden.

Zur Sicherheit schauen wir doch noch einmal auf Jarvis' twitter status:

"#rp10 I will be in the Day Spa next door before 3pm. Going there now."

Die Entscheidung steht: Wir gehen hin. 12 Minuten später schreibt er: 

#rp10 at the day spa. Putting away iPhone.

Der Typ meint es also wirklich ernst.

Weitere 20 Minuten später kommen wir ins Day Spa in der Friedrichstraße, legen zwei Mal 20 Euro auf den Tisch, bekommen Handtücher und Bademäntel und finden einen sichtlich entspannten -ab hier nenne ich ihn Jeff- im Ruheraum. Nach einer freundlichen Begrüssung und nur unglaublichen zwei weiteren (von rund 1200) Konferenzbesuchern verbringen wir also zu fünft die nächsten zwei Stunden schwitzend gemeinsam mit einem überaus offenen, neugierigen, interessierten und freundlichen Jeff zwischen Sauna und Ruheraum.

Wir diskutieren über das Privacy Paradox, finden schnell heraus, dass es manchmal einfach einer solchen provokanten Argumentation bedarf, um einen Punkt zu machen. Er fragt viel über unseren persönlichen Umgang mit Google&Co und wir tauschen uns mittels kleiner Anekdoten über kulturelle Unterschiede zwischen den USA, Deutschland und anderen Ländern aus. Zu mir sagt er einmal, als ich über meine Sorgen was die Datenkrake Google angeht: “Woh- you must be very depressed".

Später werde ich auf twitter schreiben: “Just back from what was probably my favorite post-talk Q&A ever: at the day spa with @jeffjarvis @ffodermeyer + 2 others #rp10

Einen kostenlosen Auszug aus Public Parts über das deutsche Hadern mit der Privatsphäre gibt es hier.

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