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Ein Werkzeugkasten für den digitalen Alltag

Viele Menschen beklagen sich heute über die nicht enden wollende Datenflut im Internet. In diesem Beitrag werden sieben Werkzeuge vorgestellt, die dabei helfen können, etwas mehr Struktur in den digitalen Alltag zu bringen.

Heute, Sonntag, schreibe ich meinen Beitrag für den nächsten Trendtag. Ich lese mir das Briefing noch einmal als PDF durch, weil ich den Ausdruck im Büro vergessen habe, kopiere mir einige Passagen daraus, öffne das Programm "“Write Room und blicke auf: einen schwarzen Bildschirm. Womit wir gleich beim ersten Werkzeug sind. Ein Programm wie "“Write Room hilft dabei, sich aufs Wesentliche zu konzentrieren in diesem Fall das ungestörte Schreiben.

Ich drücke Apfel+V und die ersten grünen Zeilen auf tiefstem Schwarz lassen mich in ein Arbeitsumfeld eintauchen, in dem es keines unserer aktuellen, modernen Kommunikationsmittel gibt. Kein Facebook, RSS, Twitter, Xing, Linkedin, Skype, Flickr, Buzz, und keine Mailprogramme mit Fenstern und flatternden Briefen, die mir signalisieren: "“You've got mail. oder "“Fritzchen hat Sie als Freund bei Facebook hinzugefügt. Oder: "“Buzz from Sandra.

Und schon sind wir mitten im Thema dem Informationsüberfluss und mit welchen Werkzeugen ich dem entgegen trete. Zunächst sollte ich erwähnen, dass es mein Beruf ist, jeden Tag sehr viele Informationen zu finden, zu sammeln, zu kategorisieren, auszuwerten, und daraus Schlüsse zu ziehen. Ich bin Trend Consultant und strategischer Planer in Personalunion, wobei beides eigentlich sehr eng miteinander verwoben ist.

Meine Arbeitsweise ist also sehr spezialisiert. Ich möchte Sie daher ungern dazu verleiten, meinen täglichen Informationsmarathon als Maßstab zu nehmen.

Ein normaler Arbeitstag fängt für mich damit an, in meinem Google Reader zwischen 600 und 1000 Artikel zu scannen. "“Skimming and Scanning ist eine Lesetechnik, bei der man über das "“scanning zunächst innerhalb der verschiedenen RSS Einträge möglichst schnell Informationen herauspicken möchte, z.B. um präzise Antworten zu einer bestimmten Frage zu bekommen. Es geht hier nicht darum, den Text genau zu verstehen, sondern nur eine bestimmte Information zu finden.

"“Skimming bedeutet, beim Lesen die wesentlichen Informationen eines Textes aufzufassen. Es dient dazu, einen ersten überblick über den Text zu bekommen. Anhand des Skimmings entscheidet man dann, ob ein Beitrag relevant ist oder nicht. Erscheint er relevant, wird er im nächsten Schritt mit einem Stern markiert und mit Schlagworten versehen. Mit den Schlagworten bringt man den Text dann in einen bestimmten Kontext, z.B. Themenbereiche wie "“New Publishing oder "“Future Mobility oder "“Kampagne, "“Temporär, "“Räume, "“Interaktiv.

Diesen Prozess gehe ich für jeden der 600-1000 Artikel durch, das Ganze kann täglich mehrere Stunden dauern, ich versuche jedoch, ihn auf maximal 2 Stunden zu begrenzen. (* Computerprogramme sind bis heute nicht dazu in der Lage, diese Aufgabe verlässlich zu übernehmen).

Jetzt sitze ich also vor diesem ganzen Datenhaufen und versuche, eine Struktur hereinzubringen. Dabei helfen mir u.a. diese folgenden sieben Werkzeuge enorm:

1. Write Room (wie oben bereits beschrieben)
2. Mindmaps
3. Tumblr
4. Instapaper
5. Boxee
6. Google Reader Play
7. Abschalten

Nur mit einer eigenen Datenbank im Google Reader und einer Stichwort oder Tag-Suche kommt man nicht weit. Um Zusammenhänge erkennen zu können, muss man sie erst einmal sichtbar machen. Mindmaps sind dafür ein ideales Mittel. In sehr kurzer Zeit kann man mit ihrer Hilfe herausfinden, welche Themen und Artikel sich häufen und wo es Sinn macht, Verbindungen zu ziehen.

Tumblr hilft enorm dabei, sich einen überblick zu verschaffen, weil es sehr einfach zu bedienen und sehr visuell ist. Die verschiedenen Inhalte werden in Tumblr je nach ihrer Art (Zitat, Foto, Text, Link, Chat, Video) in einer eindeutigen Form dargestellt. Ein Zitat wird also anders aussehen als ein Foto mit Bildunterschrift. Ideal, um der Text- und Tag-Wüste des RSS Readers zu entkommen.

Instapaper bietet ein fantastisches "“Read Later Bookmarklet, mit dessen Hilfe man interessante Artikel mit einem Klick markieren kann. Die gesammelten Artikel kann man dann später in einer aufgeräumten Umgebung lesen, als PDF ausgeben und ausdrucken oder auf einen E-Reader überspielen.

Boxee tut das Gleiche für Video Inhalte. Mit einem "“Add to Boxee Bookmarklet lassen sich sehr viele aktuelle Videoformate per Mausklick in einer Playliste sammeln und jederzeit zu Hause auf dem eigenen Fernseher (!) oder im Rechner anschauen. Allerdings dann nur die Videos, ohne das ganze Gedöns drumherum.

Google Reader Play ist ein neues, wegweisendes Produkt aus den Google Labs, das, angespornt von den Entwicklungen auf dem Tablet Markt, ein neues visuelles Interface für den Google Reader bietet. Leider ist Play in seiner ersten Version in Punkto Funktionalität noch sehr rudimentär man kann beispielsweise nicht kontrollieren, welche RSS Feeds dargestellt werden. In dieser Richtung wird sich 2010 jedoch mit Sicherheit noch eine ganze Menge entwickeln.

Kommen wir schließlich zum letzten Werkzeug: dem Abschalten. Es ist das wichtigste aller Tools. Denn wer nicht abschaltet, hat keine Zeit zu reflektieren. Sonst wird jeder Inhalt auf seine reine Information reduziert und jegliche Tiefe droht dabei, verloren zu gehen.

Wenn wir als Menschen unsere Impulskontrolle verlieren und jeder Neuigkeit, jedem neuen Video, jeder neuen Twitter Nachricht und jedem Update unserer Freunde auf Facebook hinterherrennen, laufen wir Gefahr, nichts anderes zu werden als willenlosen Geschöpfe, die blind konsumieren und nichts Eigenes mehr erschaffen.

Wir alle wissen, dass jedes Medium genug Informationen bündelt, um damit sehr viel Zeit zu verbringen. Ich kann stundenlang eine Tageszeitung lesen, tagelang fernsehen, wochenlang MP3s hören oder Jahre damit verbringen, Inhalte aus dem Web zu konsumieren. Ich halte es da mit Peter Lustig: Abschalten, wenn man genug hat. Auch wenn der nächste Blogpost wartet, und Millionen anderer News jede Minute auftauchen. Oder anders gesagt: Wenn ich aus dem Urlaub zurückkomme und einen Stapel alter Zeitungen auf mich wartet, werde ich sie nicht lesen. Wenn Sie genug haben, drücken Sie doch einfach in Ihrem RSS Reader auf "“Alle Artikel als gelesen markieren.

Wir befinden uns inmitten eines spannenden Prozesses, den wir noch gemeinsam gestalten können. Unsere Kultur und unsere Gesellschaft verändern sich tiefgreifend. Ständig werden mindestens genau so viele neue Tools entwickelt, die uns noch mehr Informationen um die Ohren hauen, wie Tools, die dabei helfen, den neuen Anforderungen in unserer Mediennutzung gerecht zu werden. Deshalb ist es essentiell, eher eine Grundsatzdebatte über die Medienkompetenz in unserer heutigen Gesellschaft zu führen. Aus meiner Sicht passiert in diesem Bereich recht wenig in Deutschland. Das stört mich. Denn ich möchte daran mitarbeiten, wie unsere Medienwelt in Zukunft aussieht und mir weder von einigen selbsternannten "“Internetexperten in Deutschland, noch von Konzernen wie Google oder Facebook eine Medienkultur diktieren lassen, von der ich kein Teil sein möchte.

Matthias Weber, 32, ist Gründer von Checkdisout.com, einer Inspirationsplattform rund um Themen aus Gesellschaft, Medien, Kunst und Kultur. Weber hat das Deutschland Geschäft des amerikanischen Trendnetzwerks PSFK geleitet und arbeitet heute als strategischer Planer bei Jung von Matt/basis. Am 15.03. erscheint sein Interview mit den Gründern von Newspaperclub in der neuen Ausgabe des WEAVE Magazin.


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