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Ad Wars: Interview mit Friedrich von Borries (Raumtaktik)

friedrich-von-borries_250Friedrich von Borries ist Professor für Designtheorie und kuratorische Praxis an der Hochschule für bildenden Künste Hamburg. Er studierte Architektur an der Universität der Künste Berlin, der ISA St. Luc Bruxelles und an der Universität Karlsruhe (TH), wo er 2004 promovierte. Von 2001 bis 2003 lehrte er an der Technischen Universität Berlin, von 2002 bis 2005 an der Stiftung Bauhaus Dessau. 2007 bis 2008 Gastwissenschaftler an der ETH Zürich und dem MIT Cambridge sowie Gastprofessor an der Akademie der bildenden Künste Nürnberg, wo er die Klasse für Kunst und öffentlichen Raum leitete.

Borries hat sich in seiner Arbeit intensiv mit der Analyse von Marketingstrategien im städtischen Raum auseinandergesetzt. 2005 hat er das Buch Wer hat Angst vor Niketown? veröffentlicht.

Geht Dir Werbung oft auf die Nerven?

Eigentlich immer. Telefonwerbung, Plakatwerbung, Fernsehwerbung; ist davon irgentetwas ein echter Gewinn? Nein. Natürlich wird zuweilen versucht, das lustig und unterhaltsam zu gestalten, aber überflüssig und nervig bleibt es natürlich.

Wie würdest Du den Begriff "Urban Spam" definieren?

Die überflüssige kommerzielle Pseudo-Information, die einem in Augen und Ohren geschossen wird.

Inwieweit hat sich die Werbung aus Deiner Sicht seit "Wer hat Angst vor Niketown" verändert?

Nike hat versucht, in die Erlebniserinnerung der Zielgruppe einzudringen, in dem es Erlebnisse angeboten und initiiert hat. Mit den verschiedenen neuen Formen von "viralem Marketing" haben "partizipatorische" Werbemethoden, um einen Begriff aus der Kunst zu übertragen, nochmal eine neue Bedeutung erlangt.

Du hast Dich in Deiner Arbeit intensiv mit dem Phänomen Nike auseinandergesetzt- welche Auswirkungen hat der Nike-Urbanismus auf die Werbestrategien von heute?

- das kann man ganz kurz beabtworten: Viele haben das kopiert.

Unser ganzes Leben ist mittlerweile von Werbung durchdrungen. Welche Auswirkungen hat das für unseren Umgang mit Werbung?

Nun ja, leider halt nicht zu Protest und anti-konsumistischen Lebenseinstellungen, sondern letztlich zu einer Akzeptanz: Die Identifikationsangebote von Marken werden als Bestandteil der individuellen Identitätskonstruktion anerkannt.

Ob temporäre Galerie, Konzerte oder Clubs - Werbung versucht bis heute, sich in das kulturelle Leben der Stadt einzuschleichen. Was hältst Du davon?

Wer gestaltet Stadt? Und warum? Welche Rolle spielen kommerzielle Interessen, und welche tatsächlich inhaltliche? Die entscheidende Frage ist, wieviel Raum in der Stadt offen bleibt für spontane, nicht-kommerzielle Aneigung.

Gibt es Beispiele von besonders gelungenen Interaktionen zwischen Marke und Stadt?

Das kommt immer auf die Perspektive an .... Gelungen für wen? Wer hat den Vorteil? Die Stadt (was auch immer das ist), die Benutzer von Stadt, oder das Unternehmen?

Wir wissen, dass Marken intensiv mit Strategien der kulturellen Tarnung arbeiten, um Authentizität vorzutäuschen. Unter diesen Umständen kann es wohl nie so etwas wie einen ehrlichen Dialog in der Werbung geben, oder?

Ja, so kann man ausdrücken.

Stell Dir vor, eine Marke gibt dir 100.000 Euro Budget, um ein Projekt umzusetzen. Was würdest Du mit dem Geld tun?

Eine Werbungsdoppelseite im Spiegel kostet 121.000 Euro - wohlgemerkt für eine Ausgabe. Ich würde die Agentur also bitten, mir erstmal ein seriöses Angebot zu machen. Und nur mal so als Verlgeich: Bill Drummond /KLF haben als künstlerische Aktion einmal 1 Millionen Pfund verbrannt, das entspricht  rund 1,5 Milionen Euro. Da weiß man, wo der Maßstab liegt ...

Vielen Dank!

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