Checkdisout: Research, Concepts, Lectures, Inspiration

Checkdisout #7: Transformation Design- Interview mit Prof. Harald Welzer (Universität Flensburg)

Harald Welzer ist Direktor von FUTURZWEI. Stiftung Zukunftsfähigkeit, die praktische und experimentelle Strategien der gesellschaftlichen Transformation unterstützt und fördert. Außerdem ist der Soziologe und Sozialpsychologe, Professor für Transformationsdesign an der Universität Flensburg und lehrt auch Sozialpsychologie an der Universität St. Gallen.
Seine primären Forschungsfelder sind politische Psychologie, Erinnerung, Gruppengewalt und Transformationsforschung.

Harald-Welzer-Checkdisout-Transformation-Design

Foto: Thomas Langreder

Herr Prof. Dr. Welzer, Sie fordern, dass Design in Zukunft andere Ziele als nur “ständiges Wachstum” verfolgen soll. Unsere Zeit ist jedoch geprägt von Ausbeutung bei Amazon, Billigpreisen bei KIK&Co. und obsessivem Konsumverhalten. Wie realistisch ist ein radikaler Wandel in unserer Gesellschaft überhaupt?

Wenn ich den Wandel für unrealistisch hielte, würde ich mich mit dem Thema nicht so ausführlich auseinandersetzen. Paradigmenwechsel brauchen keine Mehrheiten, sondern es geht um eine Veränderung der eigenen Haltung, um so etwas wie eine Bewegung. Das Design ist hier nur ein Bestandteil, die Fragen des Konsums, der Ernährung, der Mobilität usw. sind in gleicher Weise davon betroffen. Ich bin zuversichtlich, dass man in den nächsten Jahren eine soziale Bewegung erwarten kann. Und diese wird einen Lebensstilwandel, einen kulturellen Wandel, andere Wertepräferenzen befördern. Inwieweit und wie genau sich die Entwicklung dann gesamtgesellschaftlich umsetzt, steht in den Sternen. Aber ich glaube, dass man eine Umcodierung schon in ein paar Jahren sehen können wird. Man bemerkt sie zum Teil ja jetzt schon.

Diese visionären Ideen scheinen nicht von Anfang an als Massenphänomen konzipiert zu sein. Verläuft dieser gesellschaftliche Wandel also von oben nach unten, top-down?

Das wäre ein Missverständnis. Die Entwicklung verläuft nicht von oben nach unten. Die Eliten sind ja genauso doof wie alle anderen auch, wie man an ihrem Konsumverhalten und ihren ästhetischen Präferenzen ablesen kann.
Die Bewegung verläuft viel mehr umgekehrt: die Lebensstilveränderungen passieren Bottom-Up, von unten nach oben. Es vollzieht sich zum Beispiel gerade ein Wechsel vom ‘Besitzen’ zum ‘Benutzen’; ‘Sharing’ wird zu einer, wenn bislang auch noch in kleinen Gruppen, relevanten Bewegung. Das Nachdenken über andere Formen des Wohnens ist aktuell geworden, das Genossenschaftsprinzip erlebt gerade eine Renaissance. Diese Beispiele kommen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen, verlaufen aber insgesamt doch eher Bottom-Up. Wenn man sich die letzten 20 Jahre anschaut, liegt doch in vielerlei Hinsicht, sowohl politisch, als auch ästhetisch, als auch auch im Hinblick auf die Deutung sozialer Prozesse, ein Elitenversagen vor. Viel weniger ein Versagen der alltäglichen Lebenspraxis als das Elitenversagen. Ich sehe es also genau umgekehrt.

Wie politisch kann - wie politisch muss Design sein?

Das Design muss genauso politisch sein, wie auch die Ausübung anderer Tätigkeiten wieder politisch werden muss. Man muss verstehen, dass das, was man tut, nicht ohne Einfluss ist. Und zwar in beiden Richtungen: Wenn ich Mainstream produziere, bewirke ich die Aufrechterhaltung des Mainstreams und des ‘business as usual’. Wenn ich etwas Gegenläufiges mache, hat mein Handeln den entsprechenden Einfluss: es erzeugt vielleicht andere Pfadabhängigkeiten und setzt neue Modelle. Wir haben uns in den vergangenen zwei Jahrzehnten sehr stark angewöhnt, die politische Dimension unseres Handelns zu ignorieren. Wir nehmen auch nicht mehr zur Kenntnis, dass Menschen in freien demokratischen Gesellschaften ihren Handlungsspielraum gestalten können und vor allem: dass das nicht gleichgültig ist. Man kann in seinem jeweils eigenen Bereich Verantwortung dafür übernehmen, wie die Welt aussehen soll. Diese Verantwortung ist das Politische. Da ist eine Designerin genauso gefordert und hat genau die gleichen Möglichkeiten wie zum Beispiel ein Lehrer, ein Architekt oder jemand, der Taxi fährt.

Früher war dann die Rede vom “Otto Normal Verbraucher”. Wie würden Sie die Verbraucher von heute beschreiben? Sind die nicht schon eher mit Flugzeug-Treibstoff unterwegs?

Zeichnen wir hier ein schematisches Bild, dann erkennen wir den Hyperkonsumenten. Dieser versteht nicht, dass nicht mehr länger er die Produkte konsumiert, sondern dass er selbst das Produkt einer Bedürfniserzeugungsindustrie geworden ist. (Die Leute glauben ja tatsächlich, dass sie nach dem iPhone 5 das iPhone 6 haben müssten.) Das ist vor allem dann eklatant, wenn man folgende Entwicklung bedenkt: die Produktzyklen werde immer kürzer, die Menge an Produkten immer größer und diversifizierter.

Menschen konsumieren letztendlich garnicht mehr, sie kaufen nur noch ein Produkt nach dem anderen. Die Phase der tatsächlichen Benutzung des Produktes wird dabei immer kürzer. Hingegen wird der Aufwand, eine Kaufentscheidung zu treffen, immer größer; die Leute beschäftigen sich ausführlich mit Preisvergleichen und Testberichten. Dieser Hyperkonsum hat sich völlig verselbstständigt: wenn zum Beispiel 30-50% der Nahrungsmittel weggeworfen werden, bedeutet das ja, dass sie gar nicht mehr konsumiert werden. Die Menschen heute sind keine ‘Konsumenten’, sondern ‘Käufer’. Sie kaufen Nahrungsmittel, lagern die Produkte im Ökokühlschrank A++ zwischen und schmeißen sie dann weg. Der tatsächliche Konsum des Produktes fällt weg. An diesem Punkt genügt die Warenwelt sich gewissermaßen selbst: Die Menschen sind nur noch dazu da, für Umsatz zu sorgen und die Produkte in Bewegung zu halten.
 
Die meisten Menschen merken das aber nicht. Die Bedürfniserzeugungsindustrie arbeitet also absolut perfekt und lässt die Menschen gar nicht wahrnehmen, wie sehr sie sich durch ihre Konsumgüter belasten. Hier ist dann Folgendes passiert: die Produktwelt und die Bedürfniserzeugung haben sich so sehr verselbstständigt, dass es gegen die Interessen der Käufer funktioniert, die aber trotzdem weiter kaufen. Das finde ich faszinierend, es ist meines Erachtens neu in der Entwicklung des Kapitalismus: Das Prinzip, dass Menschen sich ihre Welt voll stellen mit Produkten, von denen sie nie gewusst haben, dass sie sie haben wollten. Trotzdem kaufen die Leute und lassen sich erdrücken von all den Dingen. Das ist eine Praxis des Dienens. Ohne jeden Zwang. Freiwillig.

Wie sähe denn ein ideeller, zukünftiger Verbraucher aus?

Der ist kein ‘Verbraucher’. Das ist ja schon ein fürchterliches Wort. Ich bin doch keine Station in einer Wertschöpfungkette, insofern würde ich mich auch nicht auf die Persona eines „Verbrauchers“ reduzieren lassen. Es gibt da den Begriff des ‘Prosumenten’: Menschen, die nicht mehr nur konsumieren, sondern auch produzieren. Die an der Stelle, wo sie etwas können, dieses Können auch einsetzen und sich nicht bei jeder Gelegenheit fremdversorgen lassen. Das ist ein Typus, der auch unter emanzipativen Gesichtspunkten interessant ist. Der Verbraucher ist ja keine emanzipative Kategorie.

‘Design’ bedeutet in der Wahrnehmung von Laien oft die schicke Aufmachung von Produkten, bestes Beispiel ist da Apple. In möglichst vielen Menschen soll das Begehren nach diesen Produkten geweckt werden, so können viele, teure Produkte verkauft werden. Was ist das Ziel von Transformation Design?

Ich glaube nicht, dass man ein allgemeingültiges Ziel formulieren kann. Interessant finde ich die paradoxe Übung, Reduktion zu designen. Das Produkt spielt dann garnicht mehr so eine große Rolle. Es geht viel umfassender um das Design einer kulturellen Praxis: Ich lasse Dinge weg, ich mache mein Leben leichter. Das ist die designerische Aufgabe.

Der andere Aspekt, den ich wichtig finde, ist, dass die Geschichte des Produkts wieder sichtbar sein muss. Modernes Produktdesign macht die Geschichte des Produktes unsichtbar. Und zwar ganz absichtlich: Der chinesische Wanderarbeiter soll bei der Nutzung des iPads nicht vorkommen, sondern es soll das reine, geschichtslose, herkunftslose, rohstofflose Produkt erscheinen. Um nun aber den Stoffwechsel, der dem Ganzen zugrunde liegt, wieder bewusstseinsfähig zu machen, muss man sich auch über eine andere Form von Gestaltung Gedanken machen. Das finde ich eine spannende Aufgabe: historisierendes Design. Im ganz zeitgenössischen Sinne, kein altertümlicher Kitsch. Es geht um die Historizität dessen, was man in der Hand hält: wie ist das entstanden? Dann würde man sich vielleicht auch nicht ständig für neue Produkte entscheiden.

Welche Projekte halten Sie für zukunftsweisend im Bereich Transformation Design und warum? Was können wir von ihnen lernen?

Ich sehe viele gute Ansätze, wie zum Beispiel den deutschen Beitrag zur letzten Architektur-Biennale, der geht genau in so eine Richtung. Ich halte die wieder aufkommenden Reperaturbetriebe und den Designpreis der Herforder Recycling-Börse für interessante Strategien. Nicht unbedingt prominente Geschichten, aber ein Paradigmenwechsel, aus dem tolle Sachen entstehen können, die genau in die reduktive Richtung und hin zu Historizität gehen.

Im Bereich der Bekleidung entwickeln sich Verfahren, die überhaupt keine neuen, ungebrauchten Materialien mehr verwenden, sondern nur gebrauchte Kleidung und Stoffe. ‘Bis es mir vom Leibe fällt’ ist so ein interessantes Projekt in Berlin, und Schmidt Takahashi ist im Bereich Modedesign spannend. Solche Dinge finde ich gut. Dieses ‘Upcycling’ von gebrauchten Produkten gibt es schon jetzt relativ viel, und ich denke, das wird etwas sein, das sich schnell verbreitet, auch in andere Bereiche hinein, ins Möbeldesign, in die Architektur. Da wird man einiges sehen.

Vielen Dank!


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1 Responses »

  1. "Design soll andere Ziele verfolgen, als den Wachstum zu folgen" schreibt er hier und "Designer sollten die Welt vom Überfluss befreien", fordert der Soziologe Harald Welzer in einem aktuellen Interview (Januar 2014, Link s.u.).
    Im Interview wird er als Vordenker vorgestellt. Hier und im Interview entpuppt er sich lediglich als schlechter Nacherzähler.

    http://mobil.deutschebahn.com/was-bleibt/designer-sollten-die-welt-vom-ueberfluss-befreien/

    Das, was er schreibt und sagt klingt richtig und ist an sich auch vernünftig, vernachlässigt aber grundsätzlich, dass alles, was wir als Wohlstand bezeichnen und aktuell mit absoluter Selbstverständlichkeit nutzen nicht auf Basis von Vernunft entstand.
    Bereits der Umstand, dass es uns extrem gut geht, wird nicht wahrgenommen. Wie soll dann wahrgenommen werden und wer will dann wahrnehmen, dass vieles von dem auf Basis des Leids anderer basiert.

    Alle Geldgeschenke (Kindergeld, BaföG, Mutterschutz, Herdprämie, Geld fürs Nichtstun = Hartz IV etc.) werden selbstverständlich und gerne entgegengenommen. Dass der Schuldenberg unseres Landes zu einem erheblichen Anteil aus diesen Geldgeschenken resultiert wird gerne übersehen.
    Schuld wird auch hier nicht bei einem selber, sondern bei anderen gesucht. In diesem Fall bei den Politikern.

    Insbesondere die deutsche Gesellschaft ist eine, die versorgt werden will.
    Diese Gesellschaft ist dann auch dankbar, wenn es Personen wie den Welzer gibt, die das Aufmerksam machen übernehmen und so tun, als gäbe es eine Alternative, die die nach Versorgtwerden suchende Gesellschaft bereit wäre mitzutragen.

    Es wird doch schon aufgeschriehen, wenn lächerliche 2400,- bis 3000,- Euro für 3-4 Jahre Studium in Form von Studiengebühren bezahlt werden soll. Das das aus den üppigen Geldgeschenken (Kindergeld) bezahlt werden könnte wird übersehen. Das wurde dann bereits verprasst, anstatt von den fast 190,- Euro monatlich 15,- Euro zurück zulegen, um nach 18 Jahren 3240,- Euro übrig zu haben (auf einem Tagesgeldkonto ohne Inflationsverlust).
    Mal davon abgesehen kann der Studiengangsbeitrag auch von der KfW-Bank als Kredit beantragt werden, den man über 25 Jahre zu extrem geringen Zinsen zurückzahlen kann.
    "Das hab ich nicht gewusst", wird dann immer gesagt.

    Wer zu so banalen Eigenleistungen weder bereit noch in der Lage ist, wird perse auf Verbrauch ausgerichtet bleiben.

    Diese Art von Deppen werden immer jene Politiker wählen, die das Fortbestehen der Vollversorgung garantieren. Die Politiker werden, wenn sie gewählt werden wollen, nach Tricks suchen, die Quittung und die Folgen der daraus resultierenden Verschwendung von Geld und Ressourcen weit in die Zukunft zu verlegen bzw. zu verschleiern. Für die Folgen werden die Deppen nicht sich selber, sondern die Politiker verantwortlich machen.
    Man sieht es bei den Griechen, die sich gegenseitig bestechen (fakelaki), mit absoluter Selbstverständlichkeit in allen gesellschaftlichen Schichten Steuern hinterziehen und nicht einen Moment damit verbringen, darüber nachzudenken, dass sie es sind, die die 300 Milliarden verprasst haben.
    Oder die Grünen wollten bei ihren Stammwählern, den gut verdienenden, die Steuern erhöhen. Nicht erst ab 100.000,- Euro, sondern bereits ab 60.000,- Euro Jahresgehalt.
    Andere erträumen sich gleich das bedingungslose Grundeinkommen. Damit sie finanziell abgesichert ihren naiven Träumen hinterherträumen können, ohne selber dafür bezahlen zu müssen.

    Designer sind die letzten, die an dieser Form von Dummheit, Trägheit, Faulheit und Verwöhntheit etwas ändern können.

    Seit 1993, seitdem es das visuelle Internet gibt, gibt es keine Ausrede mehr, nicht informiert zu sein.

    Die Vernunft, der gesunde Menschenverstand müsste jeden dazu antreiben, selber etwas zu unternehmen. Aber überall ist sich selber der nächste. Und viele freuen sich, dass es ein Welzer gibt, der das Fordern übernimmt. In der Hoffnung, dass sich andere um das Lösen und Umsetzen kümmern. Aber bitte ohne Einschnitte, ohne Veränderung für einen selber.

    Es genügt nicht, als Utopist aufzutreten, aber gleichzeitig zu vergessen, dass die Gesellschaft aus Egoisten besteht, die insbesondere in Deutschland hoffnungslos überpampert sind. Es bedarf harter Einschnitte wie bei der Agenda 2010, die zum Glück von der SPD und den Grünen kamen. Da gab es mal die Hoffnung, die SPD könnte sich vom reinen Arbeiterimage lösen und zu einer Partei der gesamten Gesellschaft werden. Die Traumtänzer flüchteten daraufhin in die SED-Nachfolgepartei, die Linke. Dort wird dann weiter geträumt, die Vollversorgung jedem zu garantieren und Leistungsbewusstsein, Engagement und individuelle Entfalltung ignorieren zu können. Und wer nicht mitspielen will, wird, sobald es wieder möglich wird, wie Kanninchen an der Mauer von hinten bei der Flucht erschossen.

    Der Wachstumsgedanke ist auch die Folge individueller Entfaltungsbedürfnisse. Die einen wollen etwas bewegen und die anderen wollen nur mitgenommen werden und anderen bei der Arbeit zuschauen, am Erfolg und an der Versorgung aber dennoch teilhaben.

    Das Denken und die Folgen seines Handeln muss aber jeder selber übernehmen. Die Heilslehren eines Welzers bringen nicht weiter, wenn die Folgen und Konsequenzen nicht gleichzeitig deutlich gemacht werden.

    Eigentlich schwätzt Herr Welzer wie ein "Bankberater", der anhand der Charts aus der Vergangenheit lediglich nacherzählt, was in der Vergangenheit gut oder schlecht verlief.
    Das ist der Haupttrick der Schwätzer, die so als Manipulateure agieren. Sie suchen sich fehlerbehaftete Ereignisse aus der Vergangenheit, deren Fehler deutlich und unwidersprochen sind und präsentieren sich nicht nur als deren Entdecker und Aufklärer, sondern gleich als Retter, ohne allerdings selber etwas zu tun, indem sie die rettetende Aufgabe delegieren. In diesem Fall sollen esDesigner richten.

    Welzer fordert, dass Designer die Welt vom Überfluss befreien sollen, merkt dabei aber offensichtlich nicht einmal, dass er so von den tatsächlich Verantwortlichen ablenkt und diese geradezu auffordert, weiterhin die eigene Verantwortung zu übersehen, sich weiterhin - ebenso wie Welzer - entspannt zurückzulehnen, sich nicht zu hinterfragen, selber etwas unternehmen zu müssen.

    Die Macht des Design ist zwar in jeder Hinsicht offensichtlich, wenn man sich einmal darüber im Klaren wird, dass über eine Kaufentscheidung in den meisten Fällen nur zwei Kriterien entscheiden:
    - der Preis eines Produktes oder einer Dienstleistung
    - das Design bzw. das durch Design bestimmte Image

    Vernunft findet bei Kaufentscheidungen selten statt.
    Die Verantwortung liegt bei uns allen.

    Hätten Designer tatsächlich Macht, würden viele von Ihnen nicht so schlecht bezahlt werden. Unternehmensberatungsbüros, die oftmals ebenso nur schwätzen und nicht einmal ein fertiges oder zumindest verwertbares Ergebnis oder Produkt hinterlassen, haben erheblich höhere Tagessätze, als Design-Agenturen, die sich durchaus als beratendes Unternehmen verstehen dürfen und zusätzlich zur Beratung komplette Produkte, Dienstleistungsabläufe und Handlungsempfehlungen abliefern.

    Harald Welzer ist Historikern bisweilen in einem Punkt ähnlich. Er erzählt gerne Geschichten, die sich bereits ereignet haben und hört sich eventuell auch gerne selber beim Erzählen zu. So können sich die so veranlagten in den Mittelpunkt stellen, ohne irgendetwas selber schaffen oder erdenken zu müssen. Es genügt, das plumpe Nacherzählen dessen, was bereits geschehen und einfach als tatsächlicher Fehler zu identifizieren ist.
    So machen es all jene Deppen, die denen nur zuschauen, die wirklich und selbstverantwortlich handeln, somit Risiken eingehen und dabei zwangsläufig Fehler machen.
    Die Deppen und Schwätzer reagieren erst dann, wenn sich Folgen abzeichnen oder gar Fehler identifizieren lassen, um dann zu behaupten, es schon immer besser gewusst zu haben.

    Designer benötigen Auftraggeber, die ökologische und verantwortungsvolle Lösungen mittragen und Verbraucher, die die daraus resultierenden Konsequenzen riskieren und zur Not aushalten.
    Es sind nicht die Designer, sondern die Verbraucher, die eigenverantwortlich darüber entscheiden, ob Ressourcen-schonend gelebt wird. Zumindest gilt das bei denen, die sich an anderen Stellen stets gerne als mündige Bürger darstellen.
    Den Hinweis, die bösen Medien und die gestalteten Produkte würden einen verführen und der arme Konsument könne nichts für seinen sinnlosen Konsum, können sich nur jene erlauben, die gleichzeitig darauf verzichten, sich als mündig zu bezeichnen.

    Vernunft wäre hier das Stichwort und die Bereitschaft auf Verzicht die Notwendigkeit:
    z.B.
    - Stromverbrauch halbieren
    - keinen oder nur kleinen PKW fahren
    - nie schneller als 120 km/h auf der Autobahn
    - keine Haustiere (überflüssige Zucht von Hunden, die von der Natur nicht vorgesehen sind; überflüssige Herstellung von Tiernahrung für Tiere, die z.B. nur der Dekoration und der Pflege eines verantwortungslosem Egos dienen)
    - keiner Mode folgen
    - nur Kleidung kaufen, die man mehrere Jahre trägt
    - nur Produkte kaufen, die man tatsächlich benötigt (Bett, Tisch, Stuhl = fertig ?)
    ...
    Hier sind wir alle gefordert.
    Es genügt nicht festzustellen, dass Design selbst überflüssige Produkte schmackhaft macht, wie es Harald Welzer im Interview tut. Jammern und lästern ist immer einfacher, als die tatsächlichen Konsequenzen zuende zu denken und tatsächlich zu ertragen.
    Lächerlich ist auch seine Behauptung, vor 20 Jahren sei es anders gewesen, und das iPhone sei nur deswegen so gestaltet, wie es ist, um die Zusammenhänge von Aufwand und Herkunft zu verschleiern.

    Das Bedürfnis nach Verschwendung lebt in uns Menschen, seitdem es etwas zu verschwenden gibt. Die alten Ägypter und die Römer in der Antike waren darin bereits sehr aktiv. Die geplante Obsoleszenz (gezielte Planung von Verschleiss, um Konsum zu erzwingen) gibt es seit ca. 1930 als Überlegung, um aus der damaligen Wirtschaftskrise zu kommen.

    Zu behaupten, früher sei der Konsum von bewussterem Handeln und stärker von Vernunft geprägt gewesen als heute, ist schon ziemlich naiv. Insbesondere, wenn man an die Einführung und Verschwendung von Kunststoffen ab den 70ern denkt.
    Zu Welzers Naivität passt auch sein Satz im Interview "Man beginnt wieder, Dinge zu reparieren [in Repair-Cafes], statt sie wegzuschmeißen".
    Zur Frage, ob dies massentauglich ist, hat er nur eine Gegenfrage parat.
    Wer so viel schwätzt wie der Welzer, hat aber Antworten, zumindes die Kompetenz zu bieten, selber Lösungen entwickeln und anbieten zu können, anstatt nur den Finger auf den Fehler zu richten und - wie in diesem Fall - die Schuld und den Lösungsauftrag an die Designer zu deligieren.

    Natürlich ist unser Konsum kein Zukunftsmodell.
    Aber wer kann/will in jeder Form konsequent sein?
    Die Liste oben zeigt nur einen Bruchteil an Konsequenzen (Ich listete nur jene Punkte, die ich selber bereits erfülle, vom letzten mal abgesehen).

    Selbst die simplen Lösungen, Ressourcen zu sparen, überfordern die meisten Konsumenten. Faulheit, Trägheit und Ausreden stehen hier im Weg.

    Bei aller Vielfalt unterschiedlicher Charakteren kann man dennoch alle Menschen in zwei Gruppen einteilen:
    - die einen suchen nach Lösungen
    - die anderen suchen nach Ausreden

    Und in der Presse wird von vermeintlich übertriebenen Energiekosten fabuliert. Auch dort duckt man sich nur vor den Befindlichkeiten der Konsumenten, obwohl die Preissteigerung extrem leicht durch Energiesparstrategien (bei Strom, Heizung, PKW) von jedem Einzelnen zu kompensieren wäre.

    Wenn es um Verantwortung geht, müssen wir uns alle an der Nase fassen. Es gibt keine Einzelnen, die am unvernüftigen Kosum und Verbrauch die Verantwortung zu tragen haben. Es sind auch nicht die Designer, die grundsätzlich die Ursachen der Verschwendung steuern könnten.
    Upcycling-Shops sind sympathisch und sinnvoll, aber dennoch nicht mehr als eine Beruhigungs-Pille.

    Selbstverständlich ändert sich das Lebens- und Konsum-System, dass wir alle gemeinsam zu verantworten haben und in dem wir es uns gemütlich gemacht haben nicht etwa "by design", sondern "by desaster".

    Die Interpretation, was ein qualitätsvolles Leben ausmacht, ist sehr vielfälltig.
    Die Bewohner der Schwellenländer sind bereits dabei, den Konsum und die Verschwendung nachzuholen, den wir bereits erleben durften. Da diese die "Chance" hatten, quasi bei Null anzufangen, hätten sie sich an allen Punkten aus der Liste (oben) halten können.
    Selbst wenn Designer, oder wer auch immer, die Macht hätte, ein Ideal bzw. die Konsequenzen aus der Liste (oben), zu gestalten oder anderweitig das Bewusstsein für erheblich weniger Konsum zu schärfen und zu fördern, zeigt gerade die Liste (oben), dass sich kaum jemand daran halten wird.

    Natürlich lässt sich so manches Ideal erträumen, das einmal formuliert, vollkommen korrekt klingt. Aber erst, wenn die Punkte aus der obigen Liste erfüllt wären, könnte man davon ausgehen, das es mehr als nur ein Ideal wäre.
    Alles ist viel komplexer, als es sich Schwätzer vorstellen können bzw. wollen.
    Oder einfacher, als es die Schwätzer ihren Zuhörern zumuten können, wenn sie sich als weise Gatekeeper oder gar als Vordenker anbiedern und verkaufen wollen.
    Die Realität des Konsumverzichts ist zu schmerzhaft, als dass man dieses Konsumthema zu banal beschreiben dürfte.

    Abfälle und Öko-Katastrophen sind die Folgen unser Aller Konsum, unserer Bequemlichkeit und unseres Wohlstandes. Auch Schwätzer verbrauchen und nehmen am Konsum teil. Das beginnt schon mit der Kleidung, die nicht selten von Kinderhänden hergestellt werden, damit wir billig einkaufen und alle Händler und Zwischenhändler gut verdienen können.
    Konsum ist dabei nicht nur die Folge unseres aktuellen Verbrauchsverhalten, sondern auch seine Ursache. Es ist die menschliche Evolution, Gegenstände und Umstände optimieren zu wollen und dabei hinzunehmen, dass Vorteile durch Nachteile erkauft werden.
    Wer hätte heute schon genug Motivation, seinem Fleisch selber hinterher jagen und es mit Steinkeilen zerlegen zu müssen. Wie weit will man zurück, wer soll entscheiden dürfen, wer wie leben und konsumieren darf?

    Aktuell zeigt sich die Schwierigkeit, die Bequemlichkeit, Wirtschaftlichkeit und ökologische Vernunft zu vereinen, sehr deutlich beim Elektroauto BMW i3.
    Durch Design und gestalteten Imagekampagnen werden diese Elektroautos populärer gemacht. Es wäre wünschenswert, Designer am gesamten Entwicklungsprozess teilhaben zu lassen. Aber der Umstand, dass es bisher nur in einem einzigen Automobilkonzern einen Designer im Vorstand gibt, zeigt sehr deutlich, welch begrenzten Einfluss Designern geboten wird.

    Die Karosserie des BMW i3 wird aus Kohlefasern erstellt, weil es so stabil, aber auch leicht und somit energiesparend im Gebrauch wird. Das Kohlefasern nur mit extrem hohem Energiebedarf hergestellt und zudem mit hochgiftigen Kunststoffen zu einem Verbundwerkstoff verarbeitet wird und auf ewig unverrottbar und auch nicht recycling-fähig ist, wird bewusst verdrängt.
    Immerhin wird zumindest beim BMW i3 die Kohlefaser mit Energie aus Wasserkraft hergestellt und bei der Karosserie mit Sonnenenergie zum Verbundwerkstoff verarbeitet. Dies ändert aber nichts daran, dass mit jedem BMW i3 Sondermüll produziert wird.

    Dieser wohlgemeinte Versuch, Alltag, Bedürfnisse von Kunden, Lebensqualität, Ökologie mit Ökonomie zu vereinen oder gar zu versöhnen ist aber sehr teuer. Wenn der Wiederverkaufswert und weitere Kriterien berücksichtigt werden, die der ADAC bzw. viele Automagazine heranziehen, um die monatlichen Kosten eines PKWs zu ermitteln, ergeben sich für den BMW i3 bei einer Haltedauer von 4 Jahren monatliche Kosten von 1200,- Euro (damit könnte ich mir 4 Mal meinen Skoda Yeti leisten).

    Der Geiz, Egoismus, die fehlende Lust auf Vernunft, aber auch echte finanzielle Grenzen werder dafür sorgen, dass sich die Verbraucher beim Kauf des Öko-BMWs zurückhalten werden. Es wird nicht mehr als das Öko-Alibi-Drittauto gutverdienender SUV-Fahrer werden, die sich so das Rasen auf der Autobahn schönreden und den Benzinverbrauch des SUV oder der Luxusklasse-Limousine schönrechnen können.

    Bei den Entscheidungen zu den Planungen dieses BMW i3 diskutieren Unternehmer, Manager, Kalkulierer, Ingenieure, viele weitere Entwickler und Ökoexperten. Alle Prozesse, Verbindlichkeiten, Sachzwänge, ökologischen Erfordernisse und Zusammenhänge sind meistens sehr komplex.
    Diese Komplexität lässt dieses Unterfangen zu einer echten Herausforderung werden, an der man Designer leider nur zu einem sehr geringem Anteil teilhaben lässt.
    Um so absurder ist die Aufforderung des Harald Welzers "Designer sollten die Welt vom Überfluss befreien". Auch der wohlwollende Satz "...man müsse bei denen, die für Gestaltung zuständig sind, neue Strategien fördern" klingt ebenso deplatziert wie der Hinweis "Für diese Art von Veränderung brauchen wir eine gesellschaftliche Vision und nicht nur eine technische".
    Antworten oder Strategien hat er selber keine zu bieten. Er will nur der Moderator sein, der die benennt, die sich kümmern sollen.

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