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Checkdisout #7: Transformation Design- Interview mit Prof. Julia Lohmann (HFBK)

Julia Lohmann studierte Grafikdesign am Surrey Institute of Art and Design des University College in Epson und absolvierte 2004 ein Masterstudium in Produktdesign am Royal College of Art in London. Sie ist mit ihren Arbeiten in privaten und öffentlichen Sammlungen wie etwa des MoMA in New York vertreten; für ihre innovativen Ansätze im Design ist sie bereits mehrfach ausgezeichnet worden, unter anderem auf der Design Miami Basel 2008 zum Designer of the Future. Im April 2011 wurde sie auf der Rolling Stone Designer List unter die Top 20 derjenigen Designer gewählt, die das Design des kommenden Jahrzehnts beeinflussen werden.

Julia portrait Petr Krejci

Foto: © Petr Krejci/V&A

Du bist ja nicht einfach zu fassen: Künstlerin, Designerin, Professorin, iF-Design-Award-Preisträgerin in einem Spannungsfeld zwischen dem schicken, glossy Produkt- und Industriedesign und deiner Arbeit mit tierischen Materialien, Seetang. Wie und wo siehst du dich selbst?

Ich bin bewusst Designerin geblieben. Ich denke, dass wir Objekten so eine Wichtigkeit zusprechen, wir verlassen uns in so vielen Situationen auf sie, dass sie fast wie ein Ersatz für menschliche Beziehungen eingesetzt werden. Wenn Objekte eine solche Hauptrolle in unserem Leben zugesprochen bekommen, dann müssen wir auch mehr von ihnen erwarten, als dass sie nur unser Hinterteil tragen. Die Funktionalität von Design wird sehr oft an körperbezogenen Funktionen gemessen: ich muss darauf sitzen, daraus trinken können. Wir sitzen doch schon bequem! Öffnen wir den Begriff von Funktion, dahin, dass es auch eine Funktion ist es dem Nutzer zu ermöglichen Dinge zu denken, die er vorher nicht gedacht hat. Diese 'Funktion' erfüllt sonst oft die 'unfunktionale' Kunst. Am Beispiel meiner Kuhbank: Es ist möglich auf dem Objekt zu sitzen, denn es ist wichtig, dass es eine direkte Assoziation zum traditionellen Ledersofa herstellt aber die Hauptfunktion der Kuhbank ist, dass sie uns zum Denken anregt. So dass wir nach hause gehen und unsere eigenen Schuhe anschauen, unser eigenes Sofa anschauen und denken: Oh, das ist auch eine Kuh. Und damit den Wert der Objekte neu erkennen. Das Objekt ist Design weil es unseren Umgang mit Rohstoffen und Objekten reflektiert und weil es uns zum denken anregt. Wir sollten heutzutage von Design erwarten dass es unser Leben nicht nur bequemer macht, sondern auch Dinge bewusst unbequemer macht und Fragen stellt.

Du pendelst mit Deiner Arbeit zwischen Hamburg und London, und in London entwickelt sich gerade eine kleine aber feine postindustrielle Bewegung. Produkte wie Little Printer von Berg, ein kleiner vernetzen Drucker für Kurznachrichten oder die Good Night Lamp, die gerade über Kickstarter finanziert wird. Bei beiden Projekten geht es darum, Produkte zu entwickeln, was sich kleine Unternehmen ja kaum leisten können, und dann aber auch den Großteil der Produktion zurück nach Europa zu holen. Ist das nur eine kleine Nischenbewegung, die da in England vor sich hin werkelt, oder ist das wirklich etwas, was in Zukunft ein größeres Thema werden könnte?

Ich glaube, ‘Post Industriell’ wird ein größeres Thema werden, aus vielerlei Gründen: Der Economist hat den 3-D-Drucker auf seinem Cover als die neue ‘industrial revolution’ bezeichnet, weil sich durch ihn etablierte Produktionsketten umgehen lassen. Es entstehen Alternativen zu herkömmlichen Herstellungssystemen mit ihrer strengen Trennung zwischen dem Designer, Hersteller, Verkäufer und Nutzer. Diese Möglichkeiten, die aus der Open Source Softwareentwicklung kommen, führen zu einer neuen Denkweise: Anstelle im stillen Kämmerlein zu sitzen, geheim etwas zu entwickeln und tausende von Euro für Tooling auszugeben, entwicklt man gemeinsam mit anderen Leuten und teilt das Wissen. Diese Denkweise wird noch mehr verändern als der 3-D-Drucker selbst und lässt sich auf andere Herstellungsprozesse anwenden.

Ich mache das zum Beispiel jetzt mit Seetang. Ich will systematisch die Grundzüge einer neuen Craft entwicklen und Materialien und Objekte aus Seetang herstellen. Geplant ist eine Website: die Leute, die mitmachen wollen, unterzeichnen einen Code Of Conduct, in dem sie bestätigen: ich nutze den Seetang nachhaltig und kombiniere das Wissen mit lokalen Handwerkstechniken und ich stelle mein neu gefundenes Wissen wiederum auf der Website zur Verfügung.

Also so ein Open-Source-Material-Prozess? Wer zustimmt, darf mitmachen, kriegt alle Informationen?

Ja genau, sie erhalten die Informationen von der Website und erweitern diese wiederum durch Ihre neuen Informationen. Dann hat man ein Netzwerk aus lokalen Handwerkern, zum Beispiel jemanden aus einem Dorf, wo es ganz viel Seetang gibt, oder eine NGO, die Seetang als Ressource nutzten will und Workshops veranstaltet. Und für alle gibt es dieses Netzwerk, aus ganz vielen lokalen Produktionsstätten, die aber alle nicht nur produzieren, sondern ihre eigenen Techniken, ihre eigenen Materialkombinationen entwickeln.

Das klingt sehr visionär, eine super Idee, die kann funktionieren. Und glaubst Du, wird es funktionieren? Es ist ja nicht leicht, so ein Netzwerk aufzubauen, die Leute zu begeistern mitzumachen, sie überhaupt erst zu finden: den Strand, wo viel ungenutzter Seetang liegt, die NGO. Ist das Science-, bzw. Product Design-Fiction oder wie sehr glaubst Du daran, dass es wirklich geht?

Ich nenne das Projekt ‘Department Of Seaweed’, weil das Museum seine Kollektionen zum Teil nach Materialien getrennt hat und ich hypothetisch Seetang mit Keramik, mit Silverware und Glass gleichstellen will. Das Department of Seaweed ermöglicht es mir in einem klar definierten Rahmen die Frage zu stellen: ‘what if ...?’; was wäre, wenn wir eine Welt hätten, in der Seetang genauso wichtig ist wie die anderen Materialien?. Es ist Fiktion, aber es realisiert sich als Fiktion selbst, es tut so, als ob es echt wäre, und wird dadurch zu einem Testfeld.

Was glaubst Du was die “Otto-Normalverbraucher” heute und in Zukunft von Design, von Produktdesign, erwarten?

Otto Normalverbraucher ist schon lange kein normal Verbraucher mehr, er verbraucht zu viel.

Da gibt es eine große Diskrepanz dazwischen, wie es in Deutschland und wie es im Rest von Europa ist. Deutschland ist echt so eine Industriedesign-Insel, zum Teil verständlicherweise, weil wir immer noch die Industrie haben, für die wir Industriedesigner brauchen. Im Gegensatz zu zum Beispiel England, wo viel von dieser Industrie nicht mehr vor Ort ist. Zum anderen Teil aber auch unverständlich, weil die zwei Arten von Design ja wunderbar nebeneinander her gehen könnten, im Gegenteil sogar die Überschneidung viel stärker ist als man denkt. Wenn man zum Beispiel ein konzeptionelles Problem hat, oder wenn man ein Design-Objekt macht, das die Funktion hat, Leute zum Denken anzuregen, dann muss man es genauso für diese Funktion designen, muss manchmal die gleichen Kniffe anwenden wie wenn man für eine Körperteil, für eine körperbezogene Funktion designt.

Ich habe das Gefühl, in Europa ist diese Diskussion, die in Deutschland passiert (‘Ist das noch Design oder nicht?’), schon seit zehn Jahren durch. Manchmal denke ich, das liegt daran, dass die deutsche Sprache ihren eigenen Kreis, ihren eigenen Kontext schafft. Es wird auf Deutsch viel diskutiert, ist dann aber auch sehr deutschlandzentriert. Wo hingegen in anderen Ländern wie in England aber auch Holland oder Skandinavien auf Englisch diskutiert wird. So ist es viel einfacher, grenzübergreifend zu diskutieren. Deswegen habe ich manchmal das Gefühl, dass Deutschland noch so eine industrielle Insel ist.

Wenn man konzeptionelles Design macht oder spekulatives Design, heißt das ja nicht, dass man die Form vernachlässigen kann. Es bedeutet ja trotzdem, dass man genauso effektiv Formen machen kann, genauso effektiv designen muss, genauso eine gute Methode entwickeln muss, um seine Frage bestmöglich zu beantworten. Die Frage ist dabei eben nur eine andere.

 

Vielen Dank!

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